Zwischen dem Österreich, in das ich 1986 gekommen bin, und dem heutigen Österreich gibt es gewaltige Unterschiede. Damals war der Schilling eine sehr starke und wertvolle Währung. Mieten, Gehälter und die täglichen Lebenshaltungskosten waren im Vergleich zu heute deutlich günstiger. Mit der Einführung des Euro, so meine ich, ist die Kaufkraft stark gesunken und der Wohlstand der Bevölkerung hat merklich nachgelassen.
In den 1980er-Jahren waren Türken in Österreich keine besonders beliebte Bevölkerungsgruppe. Historisch gewachsene Vorurteile – vor allem durch die Zweite Wiener Türkenbelagerung 1683 – waren in Teilen der Gesellschaft noch spürbar. Ausländerfeindliche Parteien haben immer wieder gezielt gegen Türken Stimmung gemacht. Die meisten Türken arbeiteten damals am Bau, in Fabriken oder in der Reinigung. Trotz harter Arbeitsbedingungen und niedriger Löhne war die Kriminalitätsrate unter ihnen sehr gering.
Mit der Zeit haben sich viele Türken selbstständig gemacht, vor allem im Kleinhandel. Angefangen hat es oft mit Obst- und Gemüseständen auf Märkten. Damals arbeiteten dort viele Menschen aus Ungarn und dem Ostblock. Diese wollten aber meist nicht so lange arbeiten – Türken hingegen hielten ihre Geschäfte oft bis spät in die Nacht offen. Ohne Überstunden zu zahlen, aber mit viel Familienarbeit wurden sie bald zur dominierenden Gruppe auf den Märkten.
Danach folgten weitere Branchen, die wenig Startkapital erforderten: Dönerstände entstanden überall in Wien. Friseure, Handyshops, Taxiunternehmen – und schließlich wuchs auch die türkische Präsenz im Lebensmittelbereich stark. Türkische Bäckereien, Supermärkte und Importgeschäfte schossen aus dem Boden. Besonders im 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten wurden türkische Beschriftungen immer sichtbarer.
In den 1990er-Jahren waren Türken zunächst eher darauf fokussiert, Geld zu sparen. Später begannen sie, dieses auch auszugeben und stärker am sozialen Leben teilzunehmen. Viele Familien konnten sich Autos leisten, türkische Restaurants waren oft bis auf den letzten Platz voll. An besonderen Tagen wie dem Muttertag war es schwierig, überhaupt einen Tisch zu bekommen.
Auch bei der Integration gab es große Fortschritte. Vor allem die jüngere Generation hat enorme Erfolge in Bildung und Sprache erzielt. Heute arbeiten viele Türken in Österreich als Ärzte, Pflegekräfte, Ingenieure, Unternehmer oder im öffentlichen Dienst. Während die ältere Generation in Pension geht, übernehmen ihre Kinder zunehmend aktive Rollen in allen Bereichen der Gesellschaft.
Die Entwicklung der türkischen Community in Österreich in den letzten 40 Jahren kann man durchaus als Erfolgsgeschichte sehen. Doch in den letzten Jahren hat sich dieses positive Bild meiner Meinung nach deutlich verschlechtert. Vor allem durch neue Migrationsbewegungen sind Integrationsprobleme sichtbarer geworden. Schwierigkeiten bei der Anpassung an die europäische Kultur führen zu neuen gesellschaftlichen Spannungen. Gleichzeitig fällt auf: Türkische Haushalte sind meist sehr sauber – egal wohin man kommt, es ist ordentlich.
In letzter Zeit hat sich dieses Bild aber verändert. Besonders durch neue Flüchtlingsbewegungen sind Integrationsprobleme stärker sichtbar geworden. Viele Beobachter meinen, dass ein Teil der afghanischen und syrischen Flüchtlinge große Schwierigkeiten hat, sich in westliche Gesellschaften einzufügen. Lehrer und Bürger äußern Sorgen, dass Bildung in manchen Familien keinen hohen Stellenwert hat.
Ein befreundeter Lehrer hat mir Folgendes erzählt:
„Früher, selbst als türkische Eltern kaum Deutsch konnten, haben sie sich um die Schule ihrer Kinder bemüht. Sie sind zu Elternabenden gekommen, oft mit Übersetzern. Heute erscheinen viele Eltern problematischer Schüler trotz mehrfacher Einladung gar nicht mehr. Die Teilnahme an Elternabenden ist sehr gering. Das Interesse der Kinder an Bildung nimmt ab. Es gibt mehr Gruppenbildung, mehr Streit. Manche Schüler tragen Messer, sprechen respektlos und zeigen immer weniger Achtung gegenüber Lehrern. Das ist wirklich besorgniserregend.“
Auch ich sehe im Alltag ähnliche Entwicklungen. Obwohl es in Wien viele Mistkübel gibt, wird Müll oft einfach auf die Straße geworfen. Wer darauf hinweist, wird teilweise sogar bedroht. Vor allem unter Jugendlichen nimmt die Gewalt spürbar zu.
Vor Kurzem habe ich den Markt im 10. Bezirk wieder besucht, der früher stark von türkischen Geschäftsleuten geprägt war. Viele dieser Betriebe haben den Besitzer gewechselt – heute werden sie oft von Syrern geführt. Dabei ist ein deutlicher Rückgang bei Hygiene und Ordnung zu beobachten.
Menschen in ungepflegtem Zustand bewegen sich zwischen Lebensmitteln. Fleischereien werden ohne Handschuhe oder geeignete Schutzkleidung betrieben. Arabische Beschriftungen nehmen zu. Es gibt Gerüchte, dass manche Geschäfte unter Druck übernommen wurden. Gleichzeitig wird kritisiert, dass die Kontrollen der Behörden nicht ausreichend sind. Jugendliche bieten offen Drogen an – teilweise direkt auf der Straße. Man hat das Gefühl: Weder Staat noch Polizei greifen richtig durch.
Viele Menschen berichten, dass das Sicherheitsgefühl im Bezirk stark gesunken ist. Drogenhandel, Messerbedrohungen, Übergriffe, Autodiebstähle und Straßengewalt sind häufiger Thema. Eingeschlagene Autoscheiben und Diebstähle daraus sind fast schon Alltag geworden. Ein Freund sagte zu mir: „Heute habe ich schon das vierte aufgebrochene Auto gesehen.“
Viele türkische Familien überlegen deshalb wegzuziehen oder sind bereits übersiedelt. Der Bezirk, der früher lebendig und sicher war, wird zunehmend als eine Art Ghetto wahrgenommen.
Diese Entwicklungen machen nicht nur den Österreichern Sorgen, sondern auch der türkischen Community selbst.
Ich habe mit vielen Menschen darüber gesprochen. Die Meinungen lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen:
Die eine Seite sieht große Probleme bei der Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen. Besonders die Ablehnung gegenüber Muslimen nehme zu. Auffällig ist, dass diese Haltung nicht nur bei Einheimischen, sondern auch bei langjährig hier lebenden Migranten verbreitet ist.
Manche erklären das mit einem alten türkischen Sprichwort:
„Der alte Gast mag den neuen Gast nicht, weil er fürchtet, weniger Aufmerksamkeit zu bekommen.“
Laut dieser Sichtweise könnten die steigenden Spannungen in Zukunft zu strengeren Gesetzen und sozialen Konflikten führen – besonders im 10. Bezirk.
Die andere Seite glaubt, dass der Staat die Situation sehr wohl kennt und bewusst abwartet. Ihrer Meinung nach soll zuerst die gesellschaftliche Akzeptanz für strengere Maßnahmen wachsen.
Als Beispiel nennen sie die 1990er-Jahre, als viele Menschen durch Scheinehen Aufenthaltsgenehmigungen erhielten. Damals zahlten tausende Personen hohe Summen, um so in Österreich bleiben zu können. Später griff der Staat ein, deckte die Fälle auf und schob viele Beteiligte ab.
Auch heute, so diese Ansicht, seien die Probleme dem Staat bekannt – und es werde eingegriffen, sobald der richtige Zeitpunkt gekommen ist.
Welche dieser Sichtweisen stimmt, wird die Zeit zeigen.
Fest steht jedoch: Wir befinden uns aktuell in einer sensiblen Phase, die für den sozialen Frieden und das Zusammenleben genau beobachtet werden muss.
Von Kazim Balaban, Wien 18.05.2026