Die türkische Innenpolitik befindet sich erneut in einer hochsensiblen Phase. Während die wirtschaftliche Lage angespannt bleibt und das Vertrauen in staatliche Institutionen weiter erodiert, rückt die größte Oppositionspartei CHP immer stärker ins Zentrum politischer Auseinandersetzungen.
Präsident Recep Tayyip Erdoğan mag wirtschaftspolitisch zunehmend unter Druck stehen, doch im politischen Machtspiel ist ihm seine Erfahrung kaum abzusprechen. Umso bemerkenswerter ist, wie nervös das Regierungslager derzeit auf Özgür Özel und sein Team reagiert.
Offenbar hatte man im Umfeld der AKP darauf gesetzt, dass die CHP nach innerparteilichen Konflikten auseinanderbricht. Man hoffte auf Spaltung, Streit und Demobilisierung der oppositionellen Wählerschaft. Doch das Gegenteil scheint einzutreten: Die Basis der CHP steht nicht geschlossen hinter Kemal Kılıçdaroğlu und seinem Umfeld, sondern sammelt sich zunehmend um Özgür Özel, Ekrem İmamoğlu, Mansur Yavaş und jene Kräfte, die für Erneuerung, Standfestigkeit und politischen Aufbruch stehen.
Die Sorge des Regierungslagers
Der Journalist Sabahattin Önkibar brachte diese Entwicklung pointiert auf den Punkt: Das Präsidentenlager sehe die Möglichkeit einer neuen Partei offenbar als gefährliches Szenario.
Warum? Weil eine solche Entwicklung die bisherige politische Strategie der AKP durchkreuzen könnte. Seit Jahren lebt Erdoğan politisch auch von der Mobilisierung gegen die CHP. Die Partei wurde immer wieder als Feindbild aufgebaut, um konservative, religiöse und national geprägte Wählerschichten zusammenzuhalten.
Sollten Özgür Özel, Ekrem İmamoğlu, Mansur Yavaş und ihre Mitstreiter jedoch gezwungen sein, einen neuen politischen Weg zu gehen – sei es durch eine neue Partei oder durch ein anderes Wahlbündnis –, könnte sich dieses klassische Anti-CHP-Narrativ abschwächen. Ein solcher Schritt würde nicht als gewöhnliche Parteigründung wahrgenommen werden, sondern als Folge politischer und juristischer Bedrängnis.
Und genau darin liegt die eigentliche Gefahr für das Regierungslager: In der türkischen politischen Kultur steht die Bevölkerung häufig auf der Seite derer, die als ungerecht behandelt oder politisch verfolgt wahrgenommen werden.
Justiz, Politik und die Frage der Legitimität
Die juristischen Auseinandersetzungen rund um die CHP zeigen, wie eng in der Türkei politische Machtfragen und gerichtliche Entscheidungen miteinander verflochten sind. Wenn Gerichte in innerparteiliche Prozesse eingreifen, entsteht rasch der Eindruck, dass nicht nur Recht gesprochen, sondern politische Wirkung erzeugt werden soll.
Das Regierungslager dürfte gehofft haben, die CHP dadurch zu schwächen. Stattdessen scheint die Partei in Teilen ihrer Basis eher konsolidiert worden zu sein. Der Versuch, Spaltung zu erzeugen, könnte somit nach hinten losgehen.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht mehr nur: Was passiert mit der CHP? Sondern: Entsteht aus diesem Druck eine neue politische Dynamik, die Erdoğan gefährlicher werden könnte als eine geschwächte CHP?
Warum Özgür Özel noch wartet
Viele fragen sich: Wenn die Lage so zugespitzt ist, warum gehen Özgür Özel und sein Team nicht sofort einen neuen Weg?
Die Antwort könnte strategischer Natur sein. Ein überhasteter Austritt aus der CHP würde dem Regierungslager ermöglichen, die Opposition als zerstritten und verantwortungslos darzustellen. Erdoğan könnte dann argumentieren: „Sie können nicht einmal ihre eigene Partei führen – wie wollen sie ein Land regieren?“
Özgür Özel scheint daher bewusst abzuwarten. Er will offenbar nicht als jemand erscheinen, der die CHP kampflos aufgibt. Vielmehr dürfte sein Ziel sein, die eigene Basis an einen Punkt zu führen, an dem sie selbst sagt: Jetzt braucht es entweder einen neuen Weg – oder den Mut, diesen Weg selbst zu öffnen.
Der österreichische Blick auf die Türkei
Diese Entwicklungen sind nicht nur für die Türkei relevant. Auch Österreich ist davon betroffen. Die türkische Innenpolitik wirkt seit Jahrzehnten in die türkischstämmige Community in Österreich hinein. Wahlkämpfe, Parteibindungen, Medienkonsum und politische Loyalitäten enden nicht an der Staatsgrenze.
Gerade in Österreich zeigte sich bei vergangenen türkischen Wahlen, wie stark Erdoğan und die AKP unter Teilen der türkischen Diaspora mobilisieren konnten. Das wirft wichtige Fragen auf: Welche Rolle spielen ausländische Parteien in Österreich? Wie frei, plural und unabhängig ist die politische Meinungsbildung innerhalb migrantischer Communities? Und wie kann Österreich verhindern, dass autoritäre Konfliktlinien aus Herkunftsländern in unsere Gesellschaft importiert werden?
Österreich braucht hier eine klare Haltung: Demokratische Teilhabe ja, politische Einflussnahme aus autoritären Machtzentren nein. Wer in Österreich lebt, soll sich frei informieren, frei diskutieren und frei entscheiden können – ohne Druck durch parteinahe Netzwerke, religiöse Strukturen oder nationalistische Mobilisierung.
Der Bürger ist der Chef
Am Ende geht es um eine Grundfrage der Demokratie: Wem gehört die Politik?
Nicht den Parteien. Nicht den Berufspolitikern. Nicht jenen, die Mandate als persönliche Lebensversicherung betrachten. Politik gehört den Bürgerinnen und Bürgern.
Die türkische Opposition steht vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Doch auch die Wählerinnen und Wähler müssen ihre Rolle neu begreifen. Politiker dürfen sich nicht darauf verlassen, dass ihnen ihre Stammwählerschaft ohnehin folgt. Dieses Denken hat Demokratien überall geschwächt – in der Türkei ebenso wie in Europa.
Auch für Österreich gilt: Demokratie lebt nicht vom passiven Zuschauen, sondern von Kontrolle, Beteiligung und Verantwortung. Parteien müssen dem Volk dienen – nicht umgekehrt.
Mandate sind kein Eigentum. Politische Ämter sind kein Versorgungssystem. Wer Verantwortung übernimmt, muss auch rechenschaftspflichtig sein. Privilegien, Sonderrechte und lebenslange politische Absicherungen entfernen Politik von den Menschen.
Ein Wendepunkt?
Die jüngsten Entwicklungen in der Türkei zeigen, dass autoritäre Macht nicht unverwundbar ist. Wenn sich Bürgerinnen und Bürger nicht einschüchtern lassen, wenn Oppositionsparteien strategisch klug handeln und wenn politische Bewegungen glaubwürdig bleiben, kann auch ein festgefahrenes System ins Wanken geraten.
Die Türkei steht vor einer schwierigen Phase. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Land den politischen Übergang mit möglichst wenig Schaden, Spaltung und gesellschaftlicher Verletzung bewältigt.
Die entscheidende Kraft liegt dabei nicht allein bei den Parteien. Sie liegt bei den Bürgerinnen und Bürgern.
Denn in einer echten Demokratie gilt:
Der Bürger ist der Chef.