EFGANİ DÖNMEZ Abgeordneter zum Nationalrat

ISIS-Die Geister die gerufen wurden – sunnitischer Fundamentalismus

Thomas Meyer, einer der ersten Fundamentalismusforschern formulierte Fundamentalismus folgendermaßen:“ Fundamentalismus ist der selbstverschuldete Ausgang aus den Zumutungen des Selberdenkens, der Eigenverantwortung, der Begründungspflicht, der Unsicherheit und der Offenheit aller Geltungsansprüche, Herrschaftslegitimationen und Lebensformen, denen Denken und leben durch Aufklärung und Moderne unumkehrbar ausgesetzt sind, in der Sicherheit und Geschlossenheit selbsterkorener absoluter Fundamente. Vor ihnen soll dann wieder alles Fragen haltmachen, damit sie absoluten Halt geben können… Wer sich nicht auf ihren Boden stellt, soll keine Rücksicht mehr verdienen für seine Argumente, Zweifel, Interessen und Rechte.“ (Fundamentalismus –Aufstand, S.157)

Ist jeder Mensch, der seine Religion ernst nimmt ein Fundamentalist? Sind die unterschiedlichen Fundamentalismen voneinander abgrenzbar? Ist es nicht so, dass sich manchmal politischer Fundamentalismus oft religiös gibt, ohne dies zu sein. Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass religiöser Fundamentalismus, unabhängig davon in welchem Land und von welcher Konfession aus nach Macht, Einfluss im Staat und in der Politik strebt.

In diesem Artikel möchte ich mich primär auf den islamischen  Fundamentalismus konzentrieren. Die mannigfaltigen Gründe einer Radikalisierung besser für die Mehrheitsbevölkerung verständlicher machen. Nicht im Sinne einer Forderung nach mehr Toleranz und Verständnis für diese Geisteshaltung sondern ein Verstehen zu entwickeln, warum in einem demokratischen Land, einer offenen Gesellschaft Konvertiten und junge MigrantInnen der dritten und vierten Generation sich in absolute Sicherheit und Geschlossenheit der Religion zurückziehen und der Moderne, dem Westen und allen Andersdenkenden den Krieg erklären. Ich werde in diesem etwas längeren Artikel nicht nur Fragen aufwerfen sondern auch klare Antworten formulieren. Das Eintreten für eine offene Gesellschaft, einer Gesellschaft die auf den hart erkämpften Fundamenten der Demokratie steht ist mir ein besonderes Anliegen, ebenso die Linien aufzuzeigen, wo diese ausgehöhlt, missbraucht oder unterwandert werden. In Anlehnung an die Überlegungen von Sir Karl Popper, welcher in seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, die Gefahren einer offenen Gesellschaft thematisierte, möchte ich in diesem Beitrag das Thema Fundamentalismus innerhalb des Islams, Verhältnis zwischen Politik und Religion und die fehlende Klarheit bzw. Orientierungslosigkeit der Verantwortlichen auf Seiten der österreichischen Politik, aber auch der Vertretung durch die Glaubensgemeinschaft der Muslime in Österreich, der IGGÖ, thematisieren.

Die Fundamente des Islams geraten von innen und von äußeren Faktoren aus ins Wanken.

Die Urquelle des Islam ist der Koran und die Sunna, viele der Islamwissenschaftler beschäftigen sich mit den Fundamenten. Deshalb sind sie keineswegs Fundamentalisten, denn es gibt islamische Theologen, wenn auch nicht die Mehrheit, welche durchaus offen für andere Kulturen und Religionen sind. Diese Menschen dürfen nicht mit jenen, die sich in politischen Gruppierungen oder Parteien, welche die Religion bewusst instrumentalisieren, verwechselt werden.

Alle religiösen Fundamentalismen, insbesondere die der islamischen Strömung zeichnen sich durch das Ankämpfen gegen die Moderne, gegen die Säkularisierung der Gesellschaft und den Einfluss der Religion über die religiöse Lebenspraxis hinaus aus. Die gegenwärtig erlebte Welle der Gewalt im Namen des Islam, hat ohne Zweifel religiöse, politische und auch historische Gründe, aber zeigt letztendlich nur eines auf, dass in Wahrheit der Konflikt viel tiefer sitzt. Die Fundamente des Islams geraten von innen und von äußeren Faktoren aus ins Wanken.

Die Gefahr und die Tendenz im Islam geht nicht per se von der Religion selber aus, sondern von der Auslegung und Ausgestaltung der Fundamente, also dem Koran und der Sunna sowie den Hadithen.

Die religionssoziologische Definition von Religionen ist, dass Religionen Sinnantworten auf das Leben geben. Der Suchende, welcher in einer Religion die Antwort auf seine Fragen gefunden hat, ist der Überzeugung, dass seine Religion die richtige Antworten auf das Abenteuer leben hat. Nun leben aber Menschen, die einer Religionsgemeinschaft angehören oder auch nicht angehören, also Atheisten sind in einer Welt, in einer Gesellschaft die andere religiöse oder ideologische Antworten auf das Leben haben. Die entscheidende Frage ist, wie verhält man sich gegenüber diesen Andersgläubigen oder Andersdenkenden? Ist man tolerant oder nicht? Lässt man andere Antworten oder Sichtweisen auf das Leben zu oder versucht man die anderen zu bekehren und die eigene Antwort auf das Leben aufzudrängen? Es gibt für diese Fragen einige wenige Antworten. Entweder man ist tolerant gegenüber Andersgläubigen und Andersdenkenden oder man zieht sich in die religiöse Gemeinschaft zurück, letzteres ist ein Phänomen, welches in Europa und insbesondere in Österreich beobachtbar ist. Die Religion wird zu einem Rückzugsort, die Moschee wird zum Sammelbecken für Gleichgesinnte, die Worte des Imams (Vorbeters) werden unhinterfragt übernommen, nach innen hin wird signalisiert gemeinsam sind wir stark und nach außen hin werden religiöse Ansprüche kommuniziert. Das beste Beispiel dafür waren die Pro-Erdogan Demonstrationen in Österreich. Hier fungierten viele der Moscheen als Mitorganisatoren für die Demos. Das vom österr. Bundespräsidenten und Bundeskanzler abwärts organisierte Iftar-Essen (Fastenbrechen) für die Muslime hat auch ein besonders skurriles Alleinstellungsmerkmal. Denn nur für die Muslime gibt es ein derart öffentliches Festessen zu einem religiösen Festtag. Wenn die Logik dahinter jene sein sollte, dass den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften Respekt und Anerkennung zu Teil werden soll, dann wäre es angemessen den anderen Religionsgemeinschaften von den Juden bis hin zu den Christen, von den Zeugen Jehovas bis hin zu den Islamischen alevitischen Glaubensgemeinschaft an deren Festtagen auch die gleiche Ehre zu kommen zu lassen, nicht zu vergessen wäre dann die immer größer werdende Gruppe der Atheisten. Der eigentlichen Intention des Staates läuft dieser Selbstläufer aber diametral entgegen, der Trennung von Staat und Religion.

Eines der Grundprobleme des Islams – die Scharia mit dem normativen Recht krampfhaft in Einklang zu bringen

Das Erstarken der ISIS und der Zulauf zu den unterschiedlichen islamistischen Terrorgruppen, nicht nur aus muslimischen Ländern sondern auch aus den westlichen Ländern ist auch als ein Protest zu betrachten. Ein Protest gegen den Westen und seine pluralistische Gesellschaft. Eine plurale Gesellschaft lässt unterschiedliche Lebensentwürfe zu, dies ist die größte Gefahr für die Islamisten, daher wird diese vehement und mit äußert abschreckenden Mitteln bekämpft. Die Errungenschaften der modernen Welt werden gerne übernommen, jedoch die Geisteshaltung, welche dahintersteckt wird abgelehnt und bekämpft. So entsteht ein immer größerer Spagat zwischen dem Westen und den islamisch geprägten Ländern und somit wird auch der Frust der Menschen auf beiden Seiten immer ein größerer. Ohne einer säkularen, wissenschaftlich orientierten Gesellschaft, die der Moderne gegenüber aufgeschlossen und im Bemühen die technischen Errungenschaften weiter zu verbessern und universal gültige Menschenrechte zu verankern stünde der Westen, trotz aller Mängel, nicht auf diesem gegenwärtigen Niveau. Jene die diese Lebensstile ablehnen sammeln sich in ihren eigenen Lebenswelten. Sie ziehen sich zurück und suchen die Sicherheit bei den Fundamenten des Islams ohne Rücksicht darauf, dass der Koran und die Sunna vor tausenden von Jahren, 20 Jahre nach dem Tod des Propheten Muhammed im Jahre 652 von seinen Jüngern in all seinen Versen und Suren niedergeschrieben wurde. Was Allah dem Propheten Muhammed offenbarte, wurde niedergeschrieben. Jede Erklärung, Erläuterung bzw. geschichtliche Hintergrundinformation fehlt. Um den Koran zu verstehen, muss man sprachlich und geschichtliche Hintergründe kennen. Neben dem Koran, als Quelle ist auch die „Sunna“, also die Tradition das Fundament des Islams. Die Lebensbeschreibung des Propheten „Sira“ wird im Koran ergänzt, ebenso die als „Hadith“ beschriebenen Aussagen Mohammeds, welche jedoch nicht von allen Muslimen als Fundament des Islams betrachtet wird. Aus diesen drei Quellen entstand im Laufe der Zeit, durch Auslegungen von Rechtsgelehrten, ein großes Gottesgesetzeswerk. Nur jemand, welcher sich Jahre lang mit der Materie beschäftigt, die große Bibliotheken umfasst, kann sich annähernd in der Materie auskennen. Die Scharia ist ein Religionsgesetz, der wahre Kern, all der gegenwärtig auftauchenden Krisen und das ins Wanken geraten des Islams von innen heraus liegt in der islamischen Glaubenstradition, das Religionsgesetz also die Scharia mit dem normativen Recht krampfhaft in Einklang zu bringen. Es gibt in fast keinem muslimisch geprägten Land eine Trennung von Staat und Religion.

Das gescheiterte letzte Projekt – Vereinbarkeit von Demokratie und Islam

Das letzte Land, die Türkei, welches Jahrelang als Vorzeigeland für die Vereinbarkeit von Demokratie und Islam vom Westen her, gebetsmühlenartig propagiert wurde, hat Schiffbruch erlitten. Alle jenen, die Erdogans islamistisches Weltbild und seine Lebensweise nicht teilen, hat er den Krieg erklärt. Erdogan hat das zarte Pflänzchen, das anfänglich kolportierte Vorzeigeprojekt vieler westlicher Staaten von der Vereinbarkeit der Demokratie mit dem Islam, endgültig zum Scheitern gebracht. Seine Kompetenzen als Politiker hat der gelernte Buchhalter Erdogan längst überschritten, wenn er durch islamistisch geprägte, gesellschaftliche Lebensentwürfe ganze Stadtteile und Anlagen errichten lässt und in die Privatsphäre der Bevölkerung eingreift, indem er etwa Lebensgemeinschaften bespitzeln lässt oder Andersdenkende mit staatlichen Repressalien eindeckt. Von den zahlreichen politischen Gefangenen und JournalistInnen ganz zu schweigen. Der kürzlich erschienene Bericht von Amnesty International geht auch auf diese Verstöße ein. Eines von vielen Beispielen dafür lieferte der CNN-Berichterstatter Ivan Watson, welcher als aus der Türkei (Live Berichterstattung über die Entwicklungen am Taksim-Platz) de facto ausgewiesen wurde, weil ihn Erdogan als Spion und westlichen Kollaborateur verunglimpfte. Durch das Präsidialsystem, welches er eingeführt hat, hat er sich mehr Kompetenzen verliehen und das Parlament geschwächt. Mit Neo-Osmanischen Phantasien kokettiert er in aller Öffentlichkeit.

Der Koran als gemeinschaftliches Regelwerk des Zusammenlebens

Der Koran als einer der wichtigsten Fundamente der Muslime beinhaltet neben der religiösen Form auch eine Form des gemeinschaftlichen Regelwerkes des Zusammenlebens. Das Ergebnis ist ein fatales, die nicht Trennung von Religion und Politik. Die Türkei ist sicherlich eines jener Länder, wo durch den Säkularisierungsprozess der letzten Jahrzehnten, die Trennung von Staat und Religion noch am ehesten vollzogen worden ist. Jedoch mit der Machtablöse der säkularen Eliten durch die AKP dreht sich das Rad der säkularen Errungenschaften schrittweise zurück und somit die Trennung von Staat und Religion. Es ist für die AKP undenkbar, dass sie sich nur auf den politischen Bereich der Gestaltung der Gesellschaft beschränkt. Denn schon im Islam ist das Fundament dafür gelegt, dass nicht nur ein Teilbereich, nämlich der religiöse Bereich beeinflusst wird, sondern die Gesellschaft als Ganzes – also auch der Staat. Nun haben muslimische Vordenker,  wie Bassam Tibi und Adnan Aslan in dem Wissen schon Recht, wenn sie von einem Euro-Islam sprechen und dafür plädieren, dass ein Umdenken stattfinden muss. Denn sonst sind die Konflikte in einem säkular demokratisch geprägten Land vorprogrammiert. Die hunderten Kämpfer aus Europa sind da nur der erste Vorgeschmack auf das, was uns noch erwarten wird. Das Eisberg-Modell findet hier eine konkrete Veranschaulichung. Man sieht nur die Spitze des Eisberges, in Form von ein paar Radikalisierten, die in den „heiligen Krieg“ ziehen. Das was sich unter der Oberfläche abspielt, bekommen die wenigsten mit, meist dann, wenn es bereits unübersehbar ist oder eine Tat vollzogen worden ist. Herr Ednan Aslan (Religionspädagoge), hat es im „Die Presse“ im Artikel mit der Überschrift Muslime brauchen Friedenskonzepte vom 26.09.2014 mit folgender Aussage untermauert: „Die Anweisungen zur Gestaltung der Gemeindearbeit erhalten diese Verbände (Milli Görüs, ATIB, Muslimbruderschaft) nicht von der Glaubensgemeinschaft (IGGÖ), sondern von den ausländischen politischen Zentren. Die Glaubensgemeinschaft ist mehr oder weniger nur ein Schutzschild für die Aktivitäten solcher Verbände.“ Weiters führt Ednan Aslan in dem Interview aus: „Weder von den Verbänden noch von der Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) habe ich eine Stellungnahme gesehen, die sich vom politischen Islam bzw. von einem islamischen Staat nach klassischen theologischen Normen distanziert. Wenn man sich von der Illusion eines hoch idealisierten islamischen Staates nicht ablösen kann, muss man immer mit den gewalttätigen Versuchen zur Etablierung eines solchen Staates rechnen. Die Glaubensgemeinschaft vertritt die Meinung, dass in Österreich die Scharia nicht möglich ist, weil die Muslime hier in der Minderheit sind. Diese Aussage muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Sie impliziert nämlich, dass die Muslime in Österreich nicht nach ihren eigenen Gesetzen leben können, das aber gern tun würden.“ Herr Aslan beantwortet die Frage: „Halten Sie es für legitim, dass sich die Terrorgruppe IS bei ihren Aktivitäten auf den Koran beruft?“ Die Antwort von Herrn Aslan: “Theologisch betrachtet ist es zu 100 Prozent legitim. Alles, was der IS macht und fordert, ist theologisch richtig und kommt in allen Grundwerken des Islam vor. Ein Kalif hat nun einmal einen Kriegsauftrag, keinen Friedensauftrag. Er muss den Islam auch mit Gewalt verbreiten und sollte dazu mindestens einmal im Jahr Krieg führen.“ Auf die Zusatzfrage „Heißt das, der Islam ist grundsätzlich eine gewalttätige Religion?“ Die Antwort von Herr Adnan: „Nein, der Islam ist eine Religion des Friedens. Nur muss er seine veraltete Kriegstheologie hinterfragen und unserer modernen Lebenswirklichkeit entsprechend neu interpretieren. Sonst werden Muslime immer Sklaven einer Theologie bleiben, die von Rache, Krieg und Gewalt geprägt ist. Die Folgen sind fatal. In ganz Europa riskieren die Muslime, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.“

Herr Aslan hat das Problem treffend analysiert, das Problem ist nicht die Religion sondern die Politisierung der Religion, der politische Islam. Was in diesem Interview auf das Schärfste zu kritisieren ist, dass Herr Adnan Aslan hier nicht offenlegt, dass es sich bei dieser Form des Islamverständnisses es sich um eine Sichtweise der sunnitischen Muaviye Yezid Islamauffassung handelt, gepaart mit einem arabischen Rassismus und Nationalismus. Das Verständnis der sunnitischen Muaviye Yezid ist, dass diese nicht möchten, dass alle den Koran verstehen. Deswegen wird auch die etwas unglücklich, aber gut gemeinte Forderung von BM Kurz eine Einheitsübersetzung des Korans zu etablieren, neben anderen Aspekten, niemals verwirklicht werden können. Die Vertreter dieser Linie, darunter fallen fast alle sunnitischen Strömungen sowie deren Organisationen (Milli Görüs, AKP, Muslimbruderschaft, usw…), handeln primär nicht nach den Prinzipien des Korans sondern versuchen krampfhaft ihr Handeln durch das Interpretieren des Korans, unhinterfragt zu legitimieren. Seit Jahrhunderten sind dies jene Kräfte, die sich gegen jeglichen Wandel in der Gesellschaft in Richtung Öffnung, Modernisierung und Weiterentwicklung stemmen und gleichzeitig sich in die Abhängigkeit des Westens begeben, welchen sie innerlich verabscheuen. Daher ist der moderne Islamismus, wie jener der AKP oder der Saudis eine Erscheinung, welcher sich mit der Moderne arrangiert hat ohne deren Grundvoraussetzungen, wie Individualismus, Freiheit im Denken und Handeln, zu internalisieren.

Kritik am Herrschaftssystem mit der Kritik an der Religion gleichgesetzt

Schon in der Antike beschrieb der Philosoph Platon dies, was heute in den meisten der muslimisch geprägten Ländern sichtbar ist. Platon thematisierte den Individualismus, die Rechte menschlicher Individuen. Laut Platon sollen alle Bürger, selbst Kinder, ihr Leben in einem Zustand dauernder Kriegsbereitschaft verbringen. Dies trifft zweifelsohne auf viele Länder des Nahen Ostens und muslimisch geprägte Länder zu. Platon meinte auch, dass durch lange Gewöhnung jeder seine Seele so in Zucht nehmen soll, dass niemand auch nur auf den Gedanken kommt, unabhängig zu handeln. Dafür eignet sich die Religion für die Herrschenden in den muslimisch geprägten Ländern am besten. Die Instrumentalisierung des Islams als Religion dient in den muslimisch geprägten Ländern meist dafür, die eigene Herrschaft zu legitimieren und jegliche Kritik am Herrschaftssystem mit der Kritik an der Religion gleichzusetzen und somit jede kritische Stimme im Keim zu ersticken. Platon hasste das Individuum und seine Freiheit, ebenso wie die Herrscher der muslimischen Länder, seien es Königreiche (Saudi Arabien), Diktaturen (Syrien) oder demokratisch legitimierte, wie die Türkei. Auf dem Gebiet der Politik ist das Individuum für Platon das Böse selbst, ein völlig minderwertiges Ding. Durch seinen radikalen Kollektivismus ist Platon an der Gerechtigkeit aus Sicht der Individuen nicht interessiert, nur das kollektive Ganze ist für ihn von Bedeutung. Das kollektive Ganze ist im Falle der muslimisch geprägten Länder, die eigene Ethnie, die eigene Stammeszugehörigkeit bzw. die eigene sunnitisch oder schiitisch geprägte Religionszugehörigkeit. Wer der anderen Ethnie, dem anderen Stamm, einer anderen Religion angehört oder innerhalb des Islams einer anderen Strömung, wird im besten Fall geduldet. Ebenso ist Gerechtigkeit nichts anderes als die Gesundheit, Einheit und Stabilität des Kollektivkörpers, sprich des Staates. Diese totalitäre Staatsauffassung ist also die Moral der muslimisch geprägten geschlossenen Gesellschaftsordnung, wie in Stämmen und Horden.

Die politische Dimension

Der Name Dick Cheney, wird manchen etwas sagen, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Firma Halliburton, einer der größten Firmen auf dem Energiesektor und der Baubranche. Welche Funktion hatte Dick Cheney noch? Er war zu Bush Senior’s Zeiten Verteidigungsminister und zu Bush Junior Zeiten Vize-Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. John R.Bass ist US-Botschafter in der Türkei. Er war Berater von Dick Cheney. Was für Zufälle. Die ISIS wütet “zufällig” auf Territorien, wo die Bodenschätze reichlich vorhanden sind. Das Militär wurde in der Vergangenheit und wird auch in Zukunft desöfteren dafür benutzt, um den Zugang zu den Bodenressourcen zu verschaffen, zu schützen und den Zugang für Privatfirmen zu ebnen bzw. diesen Zugang für die Privatfirmen sicherzustellen. D.h. private Firmen arbeiten immer mehr mit sogenannten Sicherheitsfirmen und kleinen und größeren Berufsarmeen zusammen. Die ISIS-Söldner herrschen mittlerweile über ca. 17% der Öl- und Erdgasquellen und sind nach der Anschubfinanzierung durch die Saudis, Katar und anderen sunnitischen Staaten zur reichsten Terrorgruppe, innerhalb kürzester Zeit emporgestiegen. Warum der Westen den Kampf gegen die ISIS führt, liegt primär nicht im Kampf gegen die Menschenrechtsverletzungen, denn diese passieren in vielen Ländern der Welt (mehr als 70 bewaffnete Konflikte gibt es gegenwärtig) sondern um Zugang zu den Ressourcen zu erhalten und die Grenzlinien neu zu ziehen. Neben der Einkommensquelle aus dem Erdöl und Erdgasgeschäft kommt eine weitere Einkommensquelle hinzu, der Verkauf von Waffen, um die Terroristen zu bekämpfen, welche man vorher selber herangezüchtet hat, mit Hilfe der sogenannten Verbündeten. Auch die Türkei ist ein Verbündeter der Vereinigten Staaten von Amerika, wenn auch das Bündnis mittlerweile immer mehr in Frage gestellt wird und brüchiger wird, tauchen nun Stimmen auf, sich verlässlichere Partner in der unsicheren Region des Nahen Ostens zu suchen. Mittlerweile kursieren in türkischen Medien Berichte darüber, dass die US-Streitkräfte von Teilen der Türkei abgezogen und im Kurdengebiet angesiedelt werden sollen. Das die offizielle Führungsriege der AKP sich kaum von der ISIS distanziert hat und wissentlich türkisches Territorium für das Einschleusen von ISIS-Kämpfern sowie Lazarette für die Terroristen stillschweigend geduldet hat, spricht für sich. Das der saudische König die Europäer dazu aufruft sich im Kampf gegen die ISIS einzubringen, hat weniger mit der Besorgnis um das Abendland und deren kulturellen Errungenschaften zu tun sondern eher damit, weil der eigene Hintern auf Grundeis geht, in dem Wissen, dass die ISIS auch das dekadente Königshaus in die Mangel nehmen würde.

Nun bombardiert aus der Luft nicht nur das amerikanische Militär die Stellungen von ISIS sondern auch die französische Armee. Rein zufällig sind auch beide Länder, welche im Rüstungssektor massiv tätig sind. Die europäische Konjunktur und auch die amerikanische Wirtschaft kann nur wieder belebt werden, wenn ein Wirtschaftswachstum stattfindet, wie soll ein Wirtschaftswachstum stattfinden, wenn die benötige Menge an Energie knapper oder teurer wird? D.h. der Krieg in Syrien, im Irak ist nicht nur ein Krieg gegen ein paar durchgeknallte Terroristen sondern ein Krieg für den Zugang zu den Bodenressourcen und die Neudefinition von Grenzen in der Region. Missbraucht wird die Religion, denn damit kann man von den Medien, Politik (Schreibtischtätern) bis hin zu den einfachen Leuten viele Leute instrumentalisieren und mobilisieren.

Alle muslimisch geprägten Länder stehen vor der Wahl, in der Art und Weise weiterzumachen, wie bisher, sei es politisch oder im religiösen Sinne oder einen neuen Weg zu beschreiten. Die Beibehaltung des bisherigen Weges würde bedeuten, dass die Schere zwischen dem Westen und den muslimischen Ländern immer größer wird und die Konflikte ebenso oder sich die politischen und geistlichen Eliten einig darüber werden, dass neue Wege beschritten werden müssen, welche Sir Karl Popper so formuliert hat: „Aber wenn wir Menschen bleiben wollen, dann gibt es nur einen Weg, den Weg ins Unbekannte, ins Ungewisse, ins Unsichere weiterzuschreiten und die Vernunft, die uns gegeben ist, verwenden, um, so gut wir es eben können, für beides zu planen: nicht nur für die Sicherheit, sondern zugleich auch für die Freiheit.“

Von Efgani Dönmez
EFGANİ DÖNMEZ Abgeordneter zum Nationalrat

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